Grusswort
Culturescapes 2006
„Die Begegnung mit dem Anderen, mit anderen Menschen, war für unserr Gattung
zu allen Zeiten und überall auf der Welt ein fundamentales Ereignis.“
Ryszard Kapuscinski in „Lettre International“ (74/2006)
Tallinn und Tartu liegen nur etwa 200 km auseinander, sind Teil eines der kleinsten Länder der europäischen Union und doch ist die Mentalität der Menschen und die Stimmung im modernen Tallinn ganz anders als in der alten Universitätsstadt Tartu. Sie gelten als Konkurrenten, wie wir es auch aus Basel und Zürich oder Hamburg und München kennen. So nah und doch fremd? Die Gegensätze zwischen den Bewohnern der skandinavischen Länder und den Bewohnern Siziliens sind viel grösser, doch ist es noch nichts im Vergleich zu denen der Europäer, die auf Lampedusa Ferien machen, und den Afrikanern, die erschöpft dorthin geflohen sind. Wo beginnt das „Fremde“, wo hört das „Eigene“ auf? Wie „fremd“ ist das Fremde, und wie fremd das „Eigene“?
Auch wenn wir in einer globalisierten Welt leben und die Warenwirtschaft über alle Grenzen hinweg floriert, bleibt die Frage, ob damit die Verständigung verbessert wurde. Für den ehemaligen Ostblock gilt insbesondere, dass in West-Europa kaum unterschieden wird und vieles im Osten mit Russland gleichgesetzt wird. Dabei schauen fast alle von Ost nach West. Mitglied im Club der 25, bald 27 und der Nato war und ist wohl Gebot der Stunde. Entsteht durch diese größeren Einheiten aus einzelnen Staaten ein europäischer Gemeinschaftssinn oder kann erst in der größeren Einheit Individualität bewahrt werden? Die so streng auf Wirtschaft ausgerichtete Vereinigung wird auf lange Sicht wohl nur funktionieren, wenn die Menschen, einzeln anfangen, den Prozess der Assimilation und der Osmose so zu vollziehen, dass Dialog und Verständigung mit dem neuen Anderen gesucht werden. Ein „Ende“ ist nicht in Sicht. Wir werden immer wieder einem neuen Anderen begegnen, der sich nur allmählich vor dem Chaos und Tumult der Gegenwart abzeichnet. Möglich, dass dieser neue Andere aus dem Ringen zweier gegensätzlicher Strömungen in der Kultur der heutigen Welt hervorgehen wird – der Globalisierung unserer Lebenswirklichkeit und der Neigung zur Bewahrung unserer Verschiedenheit, unserer Differenzen und unsere Einzigartigkeit.
Ryszard Kapuscinski in „Lettre International“ (74/2006)
Die Geschichte Estlands ist geprägt von einer Jahrhunderte dauernden Fremdherrschaft. Die Esten, die seit dem dritten vorchristlichen Jahrtausend am Ostrand der Ostsee leben und dem heutigen Nationalstaat den Namen gaben, wurden in den letzten 800 Jahren von verschiedenen fremden Mächten bedrängt: Zuerst drangen deutsche Kreuzritter und der dänische König in das Land ein. Später teilten sich Russland, Schweden und kurze Zeit auch Polen das Land. Schließlich wurde Estland als Folge des Molotow-Ribbentrop-Paktes in die Sowjetunion eingegliedert. Lediglich in der Zwischenkriegszeit besaß Estland eine eigene Staatlichkeit. Dennoch konnten die Esten ihre Kultur und ihre Sprache über Jahrhunderte erhalten. Estland ist einerseits der kleinste und nördlichste der drei baltischen Staaten an der Ostsee, und andererseits ein Grenzstaat zwischen Russland und Skandinavien bzw. dem westeuropäischen Kulturkreis: Ein Land, in dem sich westliche und östliche Kultur treffen. Estland hat sich an dieser wichtigen Schnittstelle nach dem Ende der sowjetischen Besetzung 1991 zu einem der erfolgreichsten der post-kommunistischen Transformationsstaaten gewandelt.
Die Esten – mit nur rund einer Million Volksgenossen eine der kleinsten Nationen in Europa – schrecken vor großen Herausforderungen nicht zurück. Als „klein, aber fleissig“ bezeichnen sie selbst gerne ihr Land und ihr Volk. Sie sind stolz auf die estnischen Wirtschaftsreformen, den modernen IT-Staat E-stonia, ihre traditionelle und zeitgenössische Vokalmusik und vieles andere mehr. Sie leben damit dem Leitspruch nach, den ihnen Jakob Hurt (1839-1907), eine der Führungsfiguren der nationalen Emanzipationsbewegung, vor mehr als 100 Jahren auf den Weg gegeben hat: „Obwohl wir klein sind, können wir aufgrund unserer Kultur groß und bekannt werden.“ Noch unter russischer Herrschaft formulierte die Literaturbewegung „Noor-Eesti“ (Junges Estland) 1905 – also kurz nach Hurt – ein zweites Motto: „Wir wollen Esten bleiben und trotzdem Europäer werden!“ Dieses ist bis heute aktuell geblieben. Die Esten möchten in Estland, in das während der fünfzigjährigen sowjetischen Besatzung mehrere Hunderttausend Vertreter nationaler Minderheiten – vor allem Russen, Weißrussen und Ukrainer – gekommen sind, ihre Identität und ihre Kultur erhalten und pflegen, gleichzeitig aber auch gute Europäer sein und im europäischen Haus einen sicheren Platz einnehmen.
Culturescapes möchte dazu beitragen die verschiedenen Kulturen, Sprachen und Geschichten Europas differenzierter wahrzunehmen. Europa birgt in sich über 200 Kulturen und Sprachen. Sie werden in 48 Ländern, 25 EU-Mitglieds- und 23 (noch) Nicht EU-Mitgliedsstaaten – gelebt. In die Zukunft Europas möchten wir alle gemeinsam gehen. Schauen wir auch mal gen Osten und führen die Kultur im Sinne einer Politik mit anderen Mitteln fort.
Jurriaan Cooiman