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Artikel von Amaliavan Gent

 

»Wer sind wir, wir Türken?« Mit diesem etwas seltsam anmutenden Titel seines Leitberichts überraschte im März 2007 der liberale Journalist Hasan Cemal die Leser der auflagestarken Tageszeitung Milliyet. »Wer bin zuallererst ich? Mein Grossvater stammt aus dem Kaukasus, er kam nach Istanbul, um Offizier der osmanischen Armee zu werden. Meine Grossmutter war eine muslimische Georgierin. Ihre Familie wurde nach Zypern ins Exil geschickt und kam später nach Istanbul. Die Familie meiner zweiten Grossmutter kommt aus dem griechischen Mazedonien. Mein zweiter Grossvater wurde auf der (heute griechischen) Ägäis-Insel Mytilini geboren. Auch er kam nach Istanbul, um Offizier zu werden«

 

Enges Korsett einer homogenen, nationalen Identität

Die vielfältige Identität Hasan Cemals bildet in der Türkei keine Ausnahme. Sie ist vielmehr das Spiegelbild einer besonders farbigen, ethnischen und religiösen Struktur, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Land kennzeichnete. In »Anatolien«, dieser gewaltigen Landmasse im östlichen Mittelmeerraum, die in der Geschichte oft als Brücke für den Ideen-, Waren- und Kulturaustausch zwischen dem Orient und dem Okzident diente und heute 97 Prozent des Territoriums der Republik Türkei ausmacht, bezeichneten sich die Bewohner noch als Türken und Kurden, als Albaner, Georgier, Tscherkessen, Bosnier, Araber, Assyrer, Griechen, Armenier, Tschetschenen und Lasen. Ihre Religionen waren genauso unterschiedlich wie auch ihre Ethnien: die Bevölkerungsmehrheit zählte sich dem Islam zu und gehörte den zwei grossen Glaubensrichtungen der Sunniten und Alewiten an. Zahlreich waren aber noch die Christen sowie die Juden.



Der Zusammenbruch des osmanischen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg sollte diesem multikulturellen und multiethnischen Charakter der osmanischen Gesellschaft ein Ende bereiten: General Kemal Atatürk hatte seine Republik 1923 auf den Trümmern des Osmanischen Reichs gebaut und verstand sie als Gegenpol zu allem, was das Osmanische Reich repräsentiert hatte. Seiner Vision nach sollte an Stelle des islamischen Gottesstaats der Osmanen ein moderner Staat entstehen, in dem die Religion aus dem öffentlichen Leben verbannt war. Wie die Führer der benachbarten Sowjetunion verabscheute auch Atatürk die Religion und führte die Rückständigkeit, die Dekadenz und nicht zuletzt den Verfall des Osmanischen Reichs auf den Islam, dem Glauben der Bevölkerungsmehrheit, zurück. Am 29. Oktober 1923 wurde die Republik Türkei ausgerufen. Knapp vier Monate später, am 3. März 1924, schaffte Mustafa Kemal die höchste Institution der islamischen Welt, das »Kalifat« sowie das Amt des obersten islamischen Rechtsprechers und Rechtsinterpreten, des »Sheikh-ul-islam« ab. Die Institutionen des Kalifats und des Sheikh-ul-islam hatten in der islamischen Welt die Ausstrahlung und die Autorität, die der Vatikan und der Papst auf der katholischen Welt ausübt. Ihre plötzliche Liquidierung erschütterte wie ein Erdbeben die Muslime von Nordafrika bis nach Sumatra und liess sie kopf- und führungslos zurück. Doch Mustafa Kemal kümmerte sich wenig um die Folgen seiner Massnahmen auf die Welt des Orients. Der Westen war für ihn der Inbegriff der Zivilisation. So liess er islamische Orden wie die Bruderschaften der Derwische oder Symbole wie die männliche Kopfbedeckung Fez verbieten. Die arabische Schrift, die Sprache des Korans, wurde vom lateinischen Alphabet ersetzt. Dies verwandelte zahlreiche Gelehrten mit einem Schlag zu Analphabeten, ermöglichte aber der jungen, nun europa-orientierten Generation seiner Anhänger den Aufstieg zu hochangesehenen Posten. Den Frauen der Republik schrieb er vor, wie ihre westeuropäischen Zeitgenossinnen unverschleiert in der Öffentlichkeit aufzutreten und Richterinnen, Lehrerinnen und Ärztinnen zu werden. Die islamische Ausrichtung der Sunni-Hanefis wurde zur Staatsreligion und ihre Gelehrten und Institutionen der strikten Kontrolle des Staates unterstellt. Die strikte Kontrolle des Islam durch den Staat nannten die Gründungsväter <<Säkularismus>>. Das Prinzip des Säkularismus wurde zum Synonym für die türkische Moderne und zum wichtigsten Grundsatz der Republik erhoben.



Auf der imaginären Wertskala nahm der Nationalismus den zweitwichtigsten Platz ein: Der erste Ministerpräsident der Republik, Ismet Inönü, sah die Hauptaufgabe seiner Regierung darin, »jede Person in diesem Land um jeden Preis zu einem Türken zu machen. Wir werden alle Elemente, welche gegen die Türken oder das Türkentum sind, eliminieren«. So wurden die Völker Anatoliens in zwei grosse Gruppierungen unterteilt: Die erste Gruppe setzte sich aus den vom Lausanner Vertrag 1923, dem Gründungsdokument des Republik, anerkannten Minderheiten der Nicht-Muslime zusammen. Die Griechen, Armenier und Juden der Republik dürften ihre eigenen Schulen und Gotteshäusern behalten. Dafür galten sie »vor staatlichen Institutionen als Bürger zweiter Klasse«. Alle muslimischen Bürger wurden der grossen, allgemeinen Kategorie der »Türken« zugerechnet. »Um vom Staat als Bürger erster Klasse akzeptiert zu werden, hatten die Kurden, die Lasen, die Bosnier und die Kaukasier also die eigene Identität systematisch zu leugnen.«(1) .



Kemal Atatürk wünschte nichts weniger, als in seiner Republik eine Revolution auszulösen. Seine Reformen erwiesen sich aber oft für die Gesellschaft als untragbar radikal. Um die Revolution <<für das Volk, notfalls auch gegen den Willen des Volks>> durchzusetzen, ernannte er seine Generäle zu Gralshüter seines Gedankenguts, des »Kemalismus«. Der türkische Historiker Taner Akcam fasst die Widersprüche der angestrebten Revolution folgendermassen zusammen: »Die Gründergeneration der türkischen Führer kam vor allem aus der Verwaltung und der Armee und war tief geprägt von militärischen Werten. Sie wollten eine homogene türkische Republik schaffen. Schon nach kurzer Zeit geriet dieses Projekt in Widerspruch zu den Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft mit der Folge, dass schon bald die Gesellschaft zu einem Hindernis für die Realisierung dieser Staatskonzeption wurde. Wer mit ihrer Vorstellung von einer einheitlichen Nation nicht einig war, wurde als Problem und Bedrohung der Sicherheitspolitik empfunden.« Fünf Grundsätze, die die Gründungsväter ihrer Republik vorschrieben, wurden zu Tabus der Staatsräson aufgebaut: Demnach gebe es erstens keine sozialen und wirtschaftlichen Klassen in der Türkei. Zweitens gebe es keine Kurden in der Türkei, Kurden seien Bergtürken. Der türkische sei drittens ein westlicher Staat. Islamische Werte und Kultur hätten deshalb keine Bedeutung. Der Genozid an den Armeniern habe viertens nicht stattgefunden. Und die Autorität und Wächterrolle des Militärs sei unantastbar.«(2)



Entlang dieser fünf kemalistischen Grundsatz-Tabus machten sich bald Bruchlinien auf. Die Vision von einer klassenlosen Gesellschaft entpuppte sich als Illusion. Die Kemalisten benützten das Land hauptsächlich als eine schier unversiegbare Quelle für Steuereinnahmen und als Kornkammer, an der man sich bedient, um die Städte problemlos zu versorgen. Sie wollten die Armut der Bauern nicht wahrhaben. Genauso illusorisch erwies sich ihr dritter Grundsatz, wonach in der Türkei islamische Werte und Kultur nicht von Bedeutung seien. Die anatolischen Bauern blieben allen revolutionären Aufrufen zum Trotz wertkonservativ und an ihrer Religion gehaftet. So wuchs die Kluft zwischen Stadt und Land sowie die Konflikte zwischen Kemalisten und ihren Kontrahenten. Die Kemalisten waren davon überzeugt, dass die westliche Moderne in einem muslimischen Land wie der Türkei nur eine Chance habe, sich durchzusetzen, wenn eine starke Armee eine Rückkehr der »Mächte der Dunkelheit« verhindere. Zu den »Mächten der Dunkelheit« zählte man allgemein die islamischen Eiferer aber auch die frommen Muslime auf dem Land. Die Bauern fühlten sich stiefmütterlich behandelt und um ihre Religiosität geprellt. Entsprechend mit der Kluft zwischen Stadt und Land nahm auch die Angst voreinander zu. Doch kein anderer Konflikt hat der Türkei mehr Leid gebracht und einen höheren Tribut an Menschenleben, Finanzmitteln, Ansehen und Selbstachtung gefordert als die Frage, ob es in der Türkei Kurden gibt. Allein zwischen 1920 und 1930 rebellierten die Kurden der Türkei insgesamt 16 Mal gegen den türkischen Staat, weil dieser ihre Sprache und überhaupt ihre Identität leugnete, und wurden jedes Mal besiegt.

Zwischen 1960 und 1980 haben die Generäle, die eigentlichen Gralshüter des kemalistischen Erbes, dreimal gegen die gewählten Regierungen geputscht. Der Putsch 1960 richtete sich angeblich gegen einen Vormarsch der Islamisten und der Putsch 1971 gegen die Linke. »Nach dem Putsch 1971 bezeichnete Generalstabschef Memduh Togmal die Studenten erstmals als Banditen«, sagte Ertugrul Kürtcü, ein ehemals führendes Mitglied der linken Studentenbewegung. »Von nun an töteten sie keine Studenten, sondern einfach Banditen.« Der Putsch General Evrens 1980 richtete sich gegen Kommunisten sowie Rechtsextremisten, gegen Islamisten, <<willkürliche>> Politiker und Professoren, kurz gegen alles, was die kemalistischen Prinzipien infrage zu stellen wagten. Während der dreijährigen Militärregierung wurden 650.000 Personen festgenommen und mehrheitlich gefoltert. 98.404 Personen wurden wegen »abweichender« Meinung vor Gericht geschleppt. Tausende zogen ins Exil, davon wurden 10.000 ausgebürgert. Die Behörden verweigerten 34.8000 Personen einen Pass. 113.607 Bücher wurden verbrannt und weitere 39 Tonnen von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen in den staatlichen Papiermühlen zerstört. Die Gewerkschaften und die Streiks wurden verboten und die Universitäten und die Gesellschaft militärisch umorganisiert. Die sozialen Bruchlinien konnten dennoch nicht weggetuscht werden.

 

Die Wende

Um die Jahrtausendwende vollzog sich, fast unbemerkt, auch ein radikaler Mentalitätswandel in der türkischen Gesellschaft: Die »Kinder« des Putschgenerals Kenan Evren wollten nicht mehr an die Fehler ihrer Eltern erinnert werden, die, in den 1970er-Jahren noch in linkes und rechtes Lager geteilt, sich auf den Strassen blutig bekriegten. Sie wollten auch nicht an den Krieg im kurdischen Südosten denken, dem kurdische und türkische Jugendliche gleichermassen zum Opfer fielen; sie wollten wie ihre europäischen Altersgenossen nur das Leben geniessen, sich vergnügen. So verweigerten ausgerechnet die Kinder Evrens dem Staat den Gehorsam: Landesweit wurde wieder die Nargile, die Wasserpfeife geraucht, vermehrt auch von Frauen. Die Nargile war als Symbol des »alten« Osmanen (vom Osmanen, Bürger des osmanischen Reichs) in der Republik Kemal Atatürks verpönt. Die Mitglieder der religiösen Bruderschaften drehten wieder ihre für lange Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit verbannten Tänze. Am 28. September 2005 hat die akademische Welt in einer aufseherregenden Konferenz in Istanbuls renommierter Privatuniversität Bilgi ihr eisernes Schweigen über die tabuisierte Armenierfrage der Türkei gebrochen und debattierte erstmals darüber, ob die Väter und Grossväter der Republik tatsächlich einen Genozid an den Armeniern des ausgehenden osmanischen Reichs verübt hätten. Entgegen der Staatsdoktrin, welche die Vielfalt der Völker Kleinasiens lieber vergessen machen möchte, sang sich die Kurdin Aynur mit ihrer kräftigen, klaren Stimme im Musikklub Babylon ihren Zorn auf kurdisch vom Leib und bediente sich dabei einer sehr attraktiven Form des Ethno-Rocks. »Ich dachte, die Minderheiten der Türkei brauchten ihre Identitäten nicht mehr zu verbergen«, sagte sie. »Und als Frau, Kurdin und Alevitin bin ich dreifach Minderheit.« In ihrer Stimme schwang Trotz mit.



Parallel zu diesem Wandel vollzog sich auch politisch eine radikale Wende: Die religiös-motivierte Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) konnte zweimal grandiose Wahlsiege erringen; die neue Elite versprach, am Beispiel der Türkei des 21. Jahrhunderts der Welt zu beweisen, dass der Islam durchaus mit der Demokratie des Westens vereinbar sei. Sie versprach ferner, die Menschenrechte aller Bürger, ungeachtet ihrer Nation und ihrer Religion, zu respektieren. Die Achtung der Menschenrechte wurde zum Synonym der Moderne des 21. Jahrhunderts erklärt. Unter der AKP-Führung wurde die Türkei viel freier und besser für ihre Bürger - aber auch viel islamischer. Das Kopftuch der Frauen in der Öffentlichkeit ist aus dem Strassenbild nicht mehr wegzudenken. Die religiösen Schulen <<Imam-Hatip>> haben sich vervielfacht. Der Einfluss der religiösen Bruderschaft vom Fethullah Gülen in der Ausbildung nimmt ungebremst zu.



<<Wer sind wir, wir Türken>>, fragte sich Hasan Cemal, als im März 2007 das renommierte Untersuchungszentrum KONDA das Resultat seiner Meinungsforschung veröffentlichte: Das Institut hatte landesweit 48.000 Bürgern die Frage gestellt, welche Identität ihnen am nächsten stehe – die des Türken, die des Muslims oder die des Staatsangehörigen der Türkei. 59 Prozent der Befragten identifizierten sich zwar als Staatsangehörige der Türkei, wollten aber nicht »Türken« genannt werden. 42 Prozent betrachteten sich in erster Linie als Muslime. Nur knapp 14 Prozent war der ethnische Ursprung wichtigstes Identitätsmerkmal; Davon gab ein Grossteil allerdings an, nicht Türken sondern Kurden zu sein. 85 Jahre nachdem die Republikgründer ihrem Volk eine nicht-religiöse, ethnisch-homogene Identität vorgeschrieben haben, ist die Identitätsfrage politisch brisant wie nie zuvor. Da muss »etwas grundlegend falsch gegangen sein«, folgerte Hasan Cemal. Der renommierte Journalist Cengiz Candar sprach gar von »einer fundamentalen Identitätskrise« der Türkei. Sicher ist, dass das identitätsstiftende, soziale und kulturelle Gefüge der Republikgründer sich in der Ära der Globalisierung nicht mehr behaupten kann. An seine Stelle tritt erstmals eine politische Bewegung von unten, getragen von Menschen, die »ihre bislang unterdrückte« Identität als Alewit oder frommer Sunnit, als Kurde, Assyrer, Lase und Tscherkesse von Neuen entdecken. Zahllose Meinungsumfragen wie die von KONDA und Dutzende, meist von den Privatuniversitäten geförderte, wissenschaftliche Publikationen über die Völker und Minderheiten der Türkei sind erstmals im Umlauf und suchen, die alten Bruchlinien zu überbrücken.

Um die Jahrtausendwende hat ein faszinierender Prozess begonnen, die Geschichte Anatoliens neu zu erzählen, Tabus zu brechen und Antworten zu finden auf die Frage: »Wer sind wir wirklich?« Und: »Wo wollen wir denn hin?«



1) Minority rights group international, A Quest for Equality: minorities in Turkey, 2007.

2) Taner Akcam, »Die türkische Leugnung des Völkermordes an den Armeniern«, in: Porträt einer Hoffnung. Die Armenier, Berlin 2005.



Europa und die Völkerwanderung

Dirk Baecker


Wir leben in merkwürdigen Zeiten. Während die ganze Welt Europa um die lebendige Vielfalt seiner Politik und Kultur beneidet, beneidet Europa Lateinamerika und Asien um seine wirtschaftlichen Wachstumsraten. Und während in allen Ländern Europas solide Einwandererkulturen auch und gerade aus islamischen Ländern existieren, wird die Frage eines EU-Beitritts der Türkei von europäischen Politikern behandelt, als sei die Kultur Europas im Kern bedroht.

In der aktuellen Situation der Weltgesellschaft verkauft sich Europa als Musterfall einer kulturellen Einheit, die von kultureller Vielfalt geprägt ist. Offenbar ist es in Europa gelungen, eine Balance zwischen Einheit und Vielfalt zu finden, die in Lateinamerika, in Afrika und in Asien, wo entweder die Einheit oder die Vielfalt übertrieben wird, gegenwärtig unerreichbar ist.

Bleiben wir bei Europa. Schauen wir uns die Bedingungen noch einmal genauer an, denen Europa seine vielfältige Einheit und seine übersichtliche Lebendigkeit verdankt.

Wenn es etwas gibt, worin die Kulturhistoriker Europas und seine Kulturpolitiker übereinstimmen, dann ist es das Loblied der europäischen Vielfalt. Europas Kultur ist eine Kultur der Vielfalt. Viel weiter kommt man jedoch in der Regel nicht, denn sobald die Frage gestellt wird, worin denn die Einheit einer Vielfalt bestehen kann, geraten Historiker wie Politiker ins Stottern und erzählen etwas von den Wirren der Dreissigjährigen Konfessionskriege, der Französischen Revolution, der napoleonischen Beutezüge, der Industrialisierung und Nationalisierung im 19. Jahrhundert, der Katastrophen des ersten und zweiten Weltkriegs und der Friedensleistungen danach, die darin begründet seien, dass man seine Lektionen gelernt habe. Ökonomen sprechen vom friedlichen Wettbewerb auf freien Märkten, Politologen von der Hegung der Macht durch den Verfassungsstaat, Theologen von der Zähmung der Religion zu einem Wissen um die Transzendenz, Pädagogen vom heilsamen Zwang zur Bildung, Ästheten vom Wunder der gemeinsamen Betrachtung des Schönen und Erhabenen und Wissenschaftler von der zivilisatorischen Errungenschaft der Skepsis.

Das ist alles richtig, aber mit jedem neuen guten Grund, der den gegenwärtigen Zustand beschreibt, wird die Einheit des Ganzen eher fragwürdiger als überzeugender. Es scheint mir weiter zu führen, die Denkfigur, dass Europa das alles andere als triviale Produkt seiner eigenen Geschichte ist, ernst zu nehmen, aber die Denkfigur der Geschichte als Lehrmeisterin ihrer selbst zu streichen beziehungsweise zu modifizieren. So gelehrig sind wir nicht, dass wir als Schüler unserer Ahnen auftreten wollten oder könnten. Zu gross ist der Handlungsdruck, zu ohnmächtig sind wir in unseren Verhältnissen und zu unterschiedlich sind die Umstände. Aber wir können paradoxerweise als Lehrer unserer selbst auftreten. Wir wissen nur in den seltensten Fällen, was wir von wem gelernt haben könnten. Aber wir wissen fast immer, das falsch und was richtig ist. Ich spreche jetzt nicht von den sprichwörtlichen Lehrern, die vor allem auf deutschen Autobahnen unterwegs sind und anderen Verkehrsteilnehmern deutlich machen, mit welcher Geschwindigkeit sie auf welcher Spur fahren dürfen. Sondern ich spreche von unser aller Fähigkeit, in der Kirche und im Restaurant, im Seminar und im Museum, in der Kindererziehung und bei der Altenpflege zu wissen, was richtig und was falsch ist.

Gut, wir haben gelernt, das nicht zuzugeben. Wir haben gelernt, aus unseren Unsicherheiten in der Einschätzung der Kernkraft, des Klimawandels, des Freihandels, der Demokratie und der physikalischen Experimente im CERN-Teilchenbeschleuniger auf alles andere zu schliessen und so zu tun, als seien wir genauso reflektiert im Umgang mit uns selbst, wie sich das für einen über die Grenzen der Aufklärung aufgeklärten Menschen gehört. Aber hindert uns das daran, in allen anderen Fällen fast immer und fast immer sofort zu wissen, woran wir sind? Ist die Rechthaberei nicht der Stoff, aus dem unser Alltag gewebt ist?

Die Fragen sind nur zum Teil rhetorisch gemeint. Denn ohne diese Fähigkeit, falsch und richtig mehr oder minder spontan und unreflektiert zu unterscheiden, wären wir nicht nur in unserem routinierten Alltag, sondern auch in den eher aussergewöhnlichen Fällen neuer Bekanntschaften, neuer Bücher, neuer Gerichtsurteile, einer neuen Kunstausstellung, neuer Lehrer unserer Kinder und so weiter und so fort orientierungsunfähig. Wir verzögern unser Urteil, selbstverständlich, denn wir wissen ja, dass wir uns irren können. Wir behalten unser Urteil fast immer für uns, auch das ist selbstverständlich, denn wir wissen ja, wie wahrscheinlich es ist, dass andere anders urteilen. Aber wir urteilen. Und wir urteilen auch dann, wenn wir auf ein eindeutiges Urteil verzichten. Denn auch das nicht-eindeutige Urteil kombiniert Aspekte des Richtigen mit Aspekten des Falschen, allerdings zu eng miteinander verbunden, so dass wir der Sache noch etwas Zeit geben, sich zu klären.

Woher kommt diese Sicherheit im Urteil, selbst wenn wir sie kommunikativ in Watte packen? Und das tun wir ja bei weitem nicht immer. Und was hat die Sicherheit im Urteil, wenn mein Eindruck stimmt, mit der Frage nach der Einheit der vielfältigen Kultur Europas zu tun?

Die These, die ich vertreten möchte, lautet, dass sich die Einheit der Vielfalt Europas einer kulturellen Codierung verdankt, die ihrerseits das Ergebnis eines für die Geschichte und in der Geschichte Europas zentralen Stresserlebnisses ist. Dieses Stresserlebnis, die Jahrhunderte der Völkerwanderung vor und nach der christlichen Zeitenwende, hat offenbar so viel mit der gegenwärtigen Situation der Weltgesellschaft und ihren Migrationen zu tun, dass schon deswegen Europa als Modell wirken kann. Man bewundert die Friedensleistung Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; und man importiert eine Kulturleistung, die das Produkt von Gewalt, Krieg und Frieden ist.

Die These, dass eine Kultur das Produkt eines Stresserlebnisses ist, stammt von Heiner Mühlmann, einem Wuppertaler Kulturhistoriker, der jetzt an der Zürcher Hochschule der Künste lehrt. Er hat in seinem Buch "Die Natur der Kulturen" (1996) gezeigt, dass das so genannte decorum Europas, also ein Wertesystem, das sich in Architektur und Kleidung ebenso niederschlägt wie in Sprache und Körperhaltung, aus jenen Zeiten stammt, in denen des den Griechen gelungen ist, mithilfe einer neuen Schlachtordnung die Perser auf ihren Eroberungszügen wieder zurückzuschlagen. Diese Schlachtordnung, vor allem der Einsatz der Heloten als nicht mehr aristokratischer Kriegerhelden, sondern als gemeiner Fusssoldaten, beruht auf der Überzeugung, entweder gemeinsam sterben zu müssen oder gemeinsam leben zu können. Der maximale Stress löst eine maximale Kooperation aus, deren in diesem Fall positiver Erfolg vor dem Hintergrund des Negativerlebnisses des Krieges sich in das kulturelle Gedächtnis Europas einbrennt. Wann immer ein ähnliches Stressereignis auftritt, genügt ein Stichwort, um eine Reaktion abzurufen, die sich einst bewährt hat und vielleicht wieder bewährt. Und zwischen den einzelnen Stressereignissen erinnern Herrscherfiguren, Triumphbögen, Kasernen und der im Kontrast dazu ganz andersartige Alltag der Frauen daran, wozu man im Ernstfall bereit und in der Lage ist.

Mühlmann nimmt aufgrund seiner kunsthistorisch unterfütterten kulturhistorischen Untersuchungen an, dass dieses Stresserlebnis der Griechen bis in das 18. Jahrhundert hinein das decorum Europas geprägt hat. Aber was kam dann? Wenn wir einen weiteren Kulturtheoretiker zu Rate ziehen, den an der Stanford University in Kalifornien emeritierten John W. Meyer, müssen wir annehmen, dass es einen kulturellen Code Europas immer noch gibt. Denn er zeigt in seiner 2005 erschienenen Aufsatzsammlung "Weltkultur: Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen", dass die westlichen Prinzipien der Demokratie, der Marktwirtschaft, des allgemeinen Schulzwangs, der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, des Umweltschutzes und des ästhetisierten Kunstgenusses in der ganzen Welt kopiert werden, als gäbe es dazu keine Alternative. Zwar ist die Kopie oft oberflächlich und gibt mehr Spielraum für regionale Besonderheiten, als Meyer zugibt, und ausserdem ist die Kopie oft mehr als eine Kopie, wenn man etwa die chinesische Überzeugung zum Massstab nimmt, dass man das westliche Modell übernehmen und mit einigen wenigen Verbesserungen zu einem ganz eigenen Modell machen könne. Und dennoch überrascht die Homogenität, mit der die Globalisierung gegenwärtig angegangen wird.

Selbst wenn man die Erklärung hinzunimmt, dass mehr oder minder tief reichende Lippenbekenntnisse zum westlichen Modell oft die Bedingung dafür sind, in der Weltgesellschaft politisch und wirtschaftlich, wissenschaftlich und rechtlich, religiös und ästhetisch zur Kenntnis genommen zu werden, bleibt es erklärungsbedürftig, dass keine anderen Modelle auftauchen. Warum stattet ausgerechnet das westliche Modell, gewürzt, denn das gehört zum Modell dazu, mit der Folklore der jeweiligen Region, die Akteure in der ganzen Welt mit jener Autorität und Legitimität aus, die ihnen in der Weltgesellschaft Gehör verschaffen? Meyer sagt, es liege an der Überzeugungskraft des römischen Souveränitätskonzepts, der griechischen Subjektivität und des hebräischen Gottes, deren gebündelter Autorität niemand gewachsen sei.

Aber können Ideen überzeugen? Welche Praxis entsprach ihnen? Welche Praxis haben sie geordnet? Meines Erachtens führt es weiter, wenn wir Mühlmanns These der Stresskultur und Meyers Erinnerung an Rom, Athen und Jerusalem miteinander zu einer etwas anderen Überlegung kombinieren. Es sind hebräische, griechische und römische Denkfiguren, die sich ausgerechnet in den Jahrhunderten der Völkerwanderung bewähren, indem sie es erlauben, mit den Barbaren sowohl Krieg zu führen als auch Frieden zu schliessen und sie zu "integrieren". Der donnernde und rächende Gott der Juden, der von dem in Basel lehrenden Nietzsche beschriebene Sinn der Griechen für einen erbitterten Wettbewerb um gleichwohl luftige Ideen (Heroismus, politische Rhetorik, Olympia) und die römische Kunst des Zusammenhalts von Imperien kamen gerade Recht, um von den Barbaren nicht etwa überrannt zu werden, sondern mit Erfolg auf die Probe gestellt zu werden.

Die Stadt ist hierbei so wichtig wie Märkte und Handelswege, stehende Heere und Kriegszüge. Denn in der Stadt, so Max Weber, lernen die Bürger, nicht mehr die vielen Götter ihrer Stammesreligionen, sondern den einen Gott des Monotheismus anzubeten. Anders hätten sie es nie gelernt, mit Unbekannten trotzdem zusammen zu leben. Das ging nicht von heute auf morgen, aber es ging.

Längst haben die Historiker deswegen begonnen, die Zeit der Völkerwanderung als Zeit zivilisatorischer Leistungen ersten Ranges zu würdigen. Sie definierte eine Kultur, die in der Tat nicht nur die Kultur Europas, sondern die Kultur einer Weltgesellschaft wurde, die sich bis heute bewährt. Sie verwandelte bekannte Barbaren in unbekannte Nachbarn, Angreifer in Konkurrenten und Gegner in unsichere Verbündete. Das wurde die Grundlage einer kulturellen Codierung, die sich als städtische, als marktwirtschaftliche und als machtpolitische Kultur bis heute bewährt. Sie weicht dem Streit nicht aus, sondern sie gibt ihm gleich mehrere zivile Formen. Für falsch halten wir es, dem Streit aus dem Weg zu gehen, und für richtig, ihn nicht immer entscheiden zu müssen. Es gibt keinen Grund, einer Völkerwanderung aus dem Weg zu gehen.

Dirk Baecker lehrt Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin University in Friedrichshafen und lebt in Basel.

Literatur: Friedrich Nietzsche, Homers Wettkampf [1872], Werke, Bd. 3; Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen: Mohr, 1990; Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen, Wien: Springer, 1996; John W. Meyer, Weltkultur, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005; Artikel "Völkerwanderung" auf de.wikipedia.org.


 

 

Integration beginnt im Kopf“

Einwanderungsgeschichten aus der Türkei

Von Gaby Fierz



Sei es die Kebab-Bude, die Moschee, das anatolische Restaurant oder das türkische Lebensmittelgeschäft - die Präsenz der Einwandererinnen und Einwanderer aus der Türkei ist kaum zu übersehen und inzwischen Teil der schweizerischen Alltagskultur geworden. Zwei Frauen und zwei Männer erzählen, warum sie in die Schweiz gekommen sind und wie die Fremde nach und nach zu ihrer neuen Heimat geworden ist.



Heute leben rund 75 000 türkische Staatsangehörige in der Schweiz. Sie kamen als Flüchtlinge, als Gastarbeiter, als Studentinnen und Studenten oder im Rahmen des Familiennachzugs in den 1970-er und dann vor allem in den 1980-er Jahren. Viele haben inzwischen das Schweizer Bürgerrecht erworben, ihre Kinder sind hier aufgewachsen, in die Schule gegangen, haben einen Beruf erlernt, geheiratet, eine Familie gegründet. So ist die geschätzte Zahl der in der Schweiz lebenden Personen, die ursprünglich aus der Türkei stammen, mit 120 000 um einiges höher als die statistische nach Staatszugehörigkeit.

Kulturell, sozial und religiös vielfältig wie die Bevölkerung in der Türkei ist auch die Einwanderungsgesellschaft hier in der Schweiz. Sunnitische Muslime, Aleviten, Flüchtlinge aus den kurdischen Gebieten, nationalistische Türken, Assyrer, Gastarbeiter, Intellektuelle und Kulturschaffende aus Istanbul – sie alle haben aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen und sich ein neues Leben in der Schweiz aufgebaut.


Fasziniert von Heidi

„Ich kam 1988 wegen der Liebe in die Schweiz“, erzählt Zeynep Yerdelen, Mutter eines 16-jährigen Sohnes, die seit 20 Jahren in Basel lebt, in Istanbul Germanistik studierte und heute als Lehrerin tätig ist. „Ich habe mich in einen Schweizer verliebt, der damals an der Fachhochschule für Fremdsprachen in Istanbul tätig war. Die Schweiz kannte ich nicht- ausser Heidi: als ich fünf Jahre alt war, erhielt ich das Buch und las es mit grossem Interesse. Heidi faszinierte mich sehr, ihr Freiheitsdrang prägte mich.

Mein Mann nahm mich mit auf eine Schweizerreise und es gefiel mir, vor allem die alternative Kulturszene „Alte Stadtgärtnerei“ in Basel hat mich begeistert. Ich arbeitete damals in Istanbul am Goethe-Institut und organisierte Lesungen, Ausstellungen, Konzerte und Vortragsreihen. Gleichzeitig engagierte ich mich im einzigen alternativen Kulturzentrum in Istanbul, wo ich 1988 für das erste internationale Jazzfestival in der Türkei verantwortlich war. Das Bilsak, so heisst das Zentrum, war nach dem Militärputsch von 1980 der Ort, wo sich Intellektuelle und Künstlerinnen und Künstler wieder zu treffen begannen und Ideen austauschten.“

Zeynep Yerdelen wuchs als Diplomatentochter in einem grossen, offenen Haus in Adana auf. „Wir feierten alle Feiertage der verschiedenen Religionen. Wir hatten Kurden, Armenier und Araber als Nachbarn. Schon als Kind war es für mich selbstverständlich, dass nicht alle Türkisch sprechen“, erinnert sie sich. Die erste Zeit in Basel war schwierig. Sie sei in der Basler Kulturszene nicht nur eine unbekannte Person gewesen - ganz im Gegensatz zu Istanbul, wo sie „ein Name war“ im Kulturleben der Millionenstadt. Ausserdem habe sie als Türkin auch als Exotin gegolten. An einer Vernissage sei sie einmal gefragt worden, ob sie mit all den vielen Käsesorten in der Schweiz zurechtkommen würde.


Die Schweiz als Vorbild

Ein Blick zurück in die Geschichte der türkisch-schweizerischen Beziehungen macht deutlich, dass schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Intellektuelle aus der Türkei die Schweiz als Zielland wählten. In spätosmanischer Zeit war die Schweiz ein beliebter Ausbildungsort für die gesellschaftliche Elite. Viele Anhänger der Jungtürken-Bewegung studierten an Schweizer Universitäten, insbesondere in Genf, Lausanne, Fribourg und Neuenburg. In den 1920-er Jahren spielte das Schweizer Staatsmodell eine wichtige Vorbildrolle, die sich unter anderem in der Übernahme des Schweizerischen Zivilgesetzbuches durch die junge türkische Republik zeigte. Einige der türkischen Juristen und Ökonomen, die später leitende Stellen in der türkischen Republik einnahmen, studierten in der Schweiz. Für sie war die Schweiz ein vorübergehender Aufenthaltsort.


Die Schweiz wird zur neuen Heimat

Die ersten türkischen Staatsangehörigen, die sich hier auch niederliessen, kamen in den 1960-er Jahren als Gastarbeiter. Die Schweiz war zwar im Gegensatz zu Deutschland nie ein offizielles Rekrutierungsland, dennoch suchten einzelne Industrien gezielt Arbeitskräfte in der Türkei, wie beispielsweise die Maschinenfabrik Sulzer in Winterthur. Viele türkische Männer kamen in den 1970-er und 1980-er Jahren allein oder in Gruppen auf der Suche nach Arbeit in die Schweiz. So auch der Vater von Nuriye Taşoğlu der 1970 aus Samsun am Schwarzen Meer nach Basel kam und zunächst in einem Restaurant und später dann in der Chemischen, bei der Sandoz, arbeitete. Nach fünf Jahren folgte die Mutter, dann der Bruder und 1979 dann als 11-jährige auch Nuriye Taşoğlu mit ihren drei Schwestern. „Es war alles fremd, vor allem die Sprache, und wir waren damals noch nicht so viele Türken in Basel. Doch dann begann ich mit der Schule, lernte Deutsch, schloss mit der Realschule ab und suchte eine Lehrstelle. Mit 14 wusste ich nicht mehr wo ich hingehöre. Die Religion hat mir geholfen aus dieser Krise herauszukommen und ich beschloss, ein Kopftuch zu tragen. Wegen des Kopftuchs hatte ich keine Chance auf eine Lehrstelle, was mich sehr gekränkt hat. Also begann ich zu arbeiten, bei der Kiosk AG. Erst viel später machte ich dann eine Ausbildung. 1990 begann ich als Dolmetscherin zu arbeiten und 2002 besuchte ich beim HEKS den Ausbildungsgang als Dolmetscherin, interkulturelle Vermittlerin und Erwachsenenbildnerin. Mit 18 heiratete ich einen Mann aus Samsun“ erzählt Nuriye Tasoglu. In die Türkei habe sie nicht mehr zurückkehren wollen, obwohl ihr Mann nur ungern in die Schweiz gekommen sei, erzählt sie weiter. „Doch ich setzte mich durch.“ Mit ihm hat sie drei Kinder, einen 22-jährigen Sohn, eine 20-jährige und eine 15-jährige Tochter und ist mittlerweile bereits Grossmutter. Nach einem schwierigen Prozess hat sie sich vor vier Jahren von ihrem Ehemann getrennt; eine Trennung, die weder die Kinder noch ihre Eltern verstehen und akzeptieren. „Ich musste meinen Weg gehen“, sagt sie, die eigentlich gerne eines Tages in die Türkei zurückkehren würde.



Flucht aus politischen Gründen

In der Einwanderungsgeschichte widerspiegeln sich nicht nur die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, sondern auch die zunehmenden politischen Spannungen in der Türkei in den 1970-er Jahren. Der grösste Teil der Eingewanderten stammt aus dem strukturschwachen Ostanatolien, aus den kurdischen Gebieten. Mit der Gründung der Arbeiterpartei Kurdistan (Partiya Karkeren Kurdistan PKK) im Jahr 1978, die den bewaffneten Kampf gegen die türkische Militärpräsenz aufnahm, spitzten sich die politischen Konflikte dramatisch zu und führten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Nach dem Militärputsch von 1980 nahm die Verfolgung politisch Andersdenkender und Intellektueller durch das türkische Militär in der ganzen Türkei zu.


Viele suchten in der Schweiz um Asyl nach, so auch Cafer Küçükyildiz, der 1988 als 21-jähriger zusammen mit Freunden, die sich wie er für die kurdische Sache engagierten und daher bedroht waren, in die Schweiz flüchtete. Seine Eltern wussten von seinen politischen Aktivitäten und hatten grosse Angst um ihn. Es gelang ihm die Flucht in die Schweiz und nach einer kurzen Zeit in der Empfangsstelle in Kreuzlingen kam er ins Asylheim nach Churwalden, lernte Deutsch und fand in Davos eine Stelle als Hilfsbäcker, arbeitete dann bei einem Treibstoffhändler und schliesslich gut drei Jahre als Geleisemonteur bei der Rhätischen Bahn. „Die Integration beginnt im Kopf“, sagt Cafer Küçükyildiz, „mir war bewusst, dass ich mich entscheiden musste: gehe ich weg oder bleibe ich, und wenn ich bleibe, dann will ich weiterkommen. Ich entschied mich für das Hierbleiben und nahm mir vor, eine Ausbildung zu machen“, erzählt er weiter. „Das war nicht einfach, es brauchte mehrere Anläufe, aber dank guter Beratung und meiner Zuversicht klappte es dann auch.

1998 schloss ich mein Studium der Sozialarbeit an der Fachhochschule Zürich ab und seit 1999 arbeite ich im Sozialzentrum Dorflinde in der Stadt Zürich. Meine Erfahrung als Asylsuchender, Flüchtling und Fremder kommt mir jetzt bei meiner Arbeit als Sozialarbeiter sehr zugute.“

Cafer Küçükyildiz, Vater von vier Kindern, einer 13-jährigen Tochter aus erster Ehe, 9-jährigen Zwillingen und einem einen Monat alten Sohn, engagiert sich als aktives Mitglied von Kulturvereinen auch in der Schweiz für eine Verbesserung der Situation der Kurdinnen und Kurden in der Türkei.


Kaum als Fremde wahrgenommen

Während die kurdische Frage immer wieder auf der politischen Agenda auftaucht und auch medial durchaus auch in der Schweiz präsent ist, hörte und hört man im Westen kaum etwas von den verheerenden Folgen der bewaffneten Auseinandersetzungen für die christlichen Minderheiten in Südostanatolien. Ganz besonders stark betroffen waren die an der Grenze zu Syrien und dem Irak lebenden Assyrer. „Die muslimischen Kurden überfielen und plünderten unsere Dörfer und die türkische Regierung versprach zwar Schutz, liess sie aber gewähren“, erzählt Favlos Danho, der heute in Zürich die Studentenheime leitet, nicht ohne einen Ton der Bitterkeit. Als er 1987 seine Heimat in der Südost-Türkei, die Provinz Mardin, verliess und in die Schweiz kam, um an der Universität Fribourg Wirtschaft zu studieren, waren seine Eltern und seine Brüder bereits in Deutschland. „Zu Beginn der 1980-er Jahre lebten 150 000 Assyrer im Südosten der Türkei, heute sind es noch knapp 3000. Wir wurden regelrecht vertrieben. Viele flüchteten nach Deutschland und Schweden. Die katholische Kirche in diesen Ländern unterstützte uns. 1300 Familien, das heisst rund 6000 Personen, leben in der Schweiz. Sie kamen vor gut 20 Jahren und vier Fünftel haben inzwischen das Schweizer Bürgerrecht erworben. Wir sind gut integriert, fallen nicht auf als Fremde. Ein wichtiger Ort ist für uns das kulturelle und religiöse Zentrum in Arth am Zugersee, wo sich der Sitz unseres Bischofs befindet“, erzählt Favlos Danho. „Seit dem Waffenstillstand gehen einige wieder zurück, aber nur wenige. Für mich liegt die Zukunft hier in der Schweiz, einzig in den Ferien fahren wir in unsere ehemaliges Heimatland, auch wenn wir dort keine Verwandten mehr haben.“



Artikel von Jan Keetman



Tarlabasi ist ein Viertel in Istanbul, das kurz vor der Sanierung steht. Über die schmalen Gassen ist Wäsche gehängt, darunter spielen die Kinder, zwängen sich Autos und Handkarren. Die alten Häuser mit ihren Erkern mögen schön sein, doch die Zimmer sind winzig, die Decken niedrig, in den hölzernen Treppen klaffen oft grosse Löcher. Verfall und Provisorium halten sich in allem gerade die Wage.

Der Bäcker an der Ecke serviert kleine Gläser mit schwarzem Tee und drei Stück Zucker, dazu Ayran und etwas Gebäck, das er von einer Warmhalteplatte nimmt. Ungefragt gerät der alte Mann ins Plaudern. Ja das waren goldene Zeiten, als hier noch Griechen lebten, das waren gute Nachbarn, „aber diese Kurden…“ Er macht eine verächtliche Handbewegung.

Unser Bäcker ist nicht der einzige in Istanbul für den die Kurden an allem Schuld sind. Doch dass er mit den Griechen aufgetrumpft hat, hat doch etwas überrascht. Historische Animositäten zählen offenbar oft weniger als Gegensätze zwischen Alteingesessenen und Neuhinzugezogenen, insbesondere wenn Städter mit ehemaligen Dörflern konfrontiert sind, Leute von bescheidenem Einkommen mit bettelarmen Nachbarn.

Das gleiche kann man auf Zypern erleben, wenn manche der alteingesessenen türkischen Zyprioten hinter vorgehaltener Hand erzählen, dass sie lieber wieder mit den Griechen wohnen würden, als mit den Türken, die in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten vom anatolischen Festland in den Norden Zyperns gezogen sind.

Tief sind die Gräben oft auch zwischen religiösen und säkularen Türken und Türkinnen. Man trifft sie selten in einem Stadtviertel beisammen.

Der Autor hielt es für notwendig, einem Artikel, der sich mit dem Verhältnis der Türkei zu ihren Nachbarn beschäftigt, diese Bemerkungen voranzustellen.

Danach können wir unser Thema ganz schulmässig angehen, in dem wir zunächst feststellen, welche Nachbarn die Türkei denn eigentlich hat. Zu diesem Zweck schauen wir in die Zeitung, ins Fernsehen, in die Buchläden, hören nach der Musik im Radio und stellen fest, dass die Türkei offenbar gar keine Nachbarn hat, jedenfalls stossen wir nicht auf sie.

Die Zeitungen, auch die dicken und grossen halten sich normalerweise nur eine Auslandsseite. Was in geographischen Nachbarländern wie Bulgarien, Georgien, Armenien und selbst Syrien, mit seiner langen gemeinsamen Grenze, geschieht oder nicht geschieht, kommt da nicht vor. Es sei denn es hat einen ganz speziellen Bezug zur Türkei oder einer türkischen Minderheit. Um Griechenland steht es kaum besser, und wenn der Irak und Iran derzeit etwas mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dann aus besonderen weltpolitischen Gründen.

Die Nichtexistenz der Nachbarn betrifft nicht nur die Bereiche Politik und Wirtschaft, sie ist bei der Kultur sogar noch ausgeprägter. Man muss lange suchen, bis man einmal einen arabischen oder iranischen Autor ins Türkische übersetzt findet, und mit der Musik ist es nicht anders als mit der Literatur.

Dabei lebte der grösste Teil dieser Nachbarn vor noch nicht gar zu langer Zeit mit den Türken zusammen in ein und demselben Staat. Doch das mag gerade eines der Geheimnisse ihres Verschwindens aus dem öffentlichen Bewusstsein sein. Die Verdrängung der Realität des Osmanischen Reiches hat auch das Interesse an den Nachbarn geschmälert.

Orhan Pamuk beschreibt die Abwendung von der osmanischen Vergangenheit in seinem autobiographischen Roman „Istanbul“ aus der Perspektive, die er als Kind hatte: „Die Trauer um diese sterbende Kultur, um das untergegangene Imperium war überall. Mir kam es vor, als kämen die Bemühungen zur Verwestlichung weniger aus dem Wunsch zur Modernisierung, als aus der Panik mit der man sich von den Kummer verursachenden Gegenständen befreien wollte, die mit der Erinnerung an das zerstörte Imperium verbunden waren.“

Die von Orhan Pamuk beschriebene psychologische Seite der Abkehr von der Vergangenheit war nicht das einzig wirksame Element bei der Auslöschung der Geschichte. Ein weiteres tat die Kulturpolitik Atatürks. Mit der Einführung der lateinischen Schrift und der allmählichen Aussonderung eines grossen Teiles des arabischen und persischen Wortschatzes aus dem Türkischen wurden ebenfalls Jahrhunderte alte Bande durchtrennt, sowohl zu den Nachbarn als auch zur eigenen Vergangenheit.

Die Türkei blickte nun auf den Westen als eine Art Erfolgsmodell oder Gegengift gegen die nationale Schwäche. Die Orientierung auf den Westen hatte zwar schon unter den Osmanen begonnen, doch mit Atatürk wurde sie nahezu ausschliesslich.

Die Politik der „Verwestlichung“ der Türkei war aber widersprüchlich, denn zugleich gebrauchte der Staat den Islam weiter als identitätsstiftendes Merkmal. Die Bevölkerungspolitik der Jungtürken und Atatürks lief auf die Ansiedlung von Muslimen vom Balkan und aus dem Kaukasus hinaus, denen Armenier und Griechen Platz machen mussten. Die bittere Geschichte der Armenier ist bekannt, die Griechen gingen grösstenteils aufgrund eines Austausches, dem die griechische Regierung zugestimmt hatte. Um ihre Einwilligung hat sie indessen niemand gefragt.

Auch wenn die türkische Bevölkerungspolitik unter ethnischem Etikett betrieben wurde, so war der eigentliche Schmelztiegel doch der islamische Glaube. Dies war vor allem für die unteren Schichten wichtig, wo die Verwestlichung nicht griff und ihre Vorteile nicht spürbar wurden.

Als Muslime grenzten sich die Türken vom Westen ab, der mal als atheistisch, mal als christlich erschien. In der Alltagskultur ist die antichristliche Schablone in vielen Filmstreifen, hauptsächlich für Jugendliche im Fernsehen greifbar. Die Geschichte dieser Filme ist in etwa die: Kreuzritter bedrohen eine hübsche, ledige Muslimin, die ein junger Muslim retten darf. Die Kreuzritter sind grausam, aber auch irgendwie schwach. Ihr Anführer ist alt, besonders grausam und unansehnlich. Der junge Held ist in jeder Beziehung überlegen.

Wesentlich aggressiver als die Abgrenzung gegen Christen ist die in einigen religiösen und nationalistischen Kreisen vorhandene Phobie gegen Juden. Diese Phobie findet aber keine Unterstützung durch die Politik des Staates.

Der in der Türkei viel beachtete Soziologe Serif Mardin hat das Erstarken des Islam in der Türkei u. a. damit in Zusammenhang gebracht, dass die Republik keine Idee dessen vermittelt hat, was gut, wahr und schön sei. Insbesondere das erste erscheint uns wichtig: Sitte, Ethik und Religion blieben eine Einheit, und das nicht nur in der Moschee, sondern auch im Schulunterricht.

Daraus ergibt sich fast zwangsläufig die Umkehr, dass wer nicht Muslim ist, auch nicht ethisch richtig handeln kann und in Sittenlosigkeit lebt. Von der „Sittenlosigkeit“ des Westens hat selbst Ministerpräsident Erdogan erst etwa vor einem Jahr gesprochen, obwohl er doch mit seinem Land in die EU will.

Bestätigt finden sich viele Türken in diesem Bild durch die freizügigere Lebensweise westlicher Gesellschaften. Dies schliesst auch einen guten Teil der eigenen Gesellschaft ein, die einen westlichen Lebensstil angenommen hat.

Ausdruck der Abgrenzung ist das Kopftuch, und zwar in einer Form, deren Vorbild zwar aus Saudi Arabien kommt, die aber trotzdem mit traditioneller Tracht wenig zu tun hat. Der um Hals, Haar, Wangen und Kinn gewundene und am Hinterkopf mit einer Nadel zusammengesteckte „Türban“ der jungen Muslimin verbirgt einerseits effektiver Haut und Haar als das Kopftuch der Mütter, andererseits verbirgt er nicht die Frau darunter. Während das Kopftuch und schon gar der alte „Tscharschaf“, wie man ihn heute vor allem aus dem Iran kennt, die Frauen uniformieren und verstecken, erscheinen die Türbans in schillernden Farben wie Leuchttürme in den Strassen. Eine Frau mit Türban kann man nicht und soll man nicht übersehen.

Junge Türkinnen tragen nicht nur ihr Kopftuch auf diese Weise zur Schau. Wie das Tuch um den Kopf sind auch die Tücher um den Körper eng gewickelt, so dass die jugendlich schlanke Körperform zu erkennen ist.

Es mag sein, dass dies nur ein Übergangsstadium ist, bis sich eine „korrekte“ Bekleidung für die türkische Muslimin durchsetzt, was aber keineswegs sicher ist. Einstweilen steht der Türban mit anderen zwar züchtig geschlossenen aber doch die Körperform betonenden Kleidungsstücken, nicht nur für ein Bekenntnis zum religiösen Lebensstil, sondern genauso für ein Dilemma. Identität kann die Türkei nur durch Abgrenzung finden, doch als einziges Gegenüber hat sie den Westen, eben jenen Westen, der seit drei Jahrhunderten zugleich ihr Vorbild gewesen ist. Es geht den Türken eben oft nicht anders als dem Bäcker in Tarlabasi, irgendwann fühlt man sich dann doch plötzlich den geschmähten Griechen nah.


Kunst – Der Weg in die Moderne

von Jan Keetman



Wie geht das eigentlich? Den Anschluss an die Moderne finden, wenn man im hintersten Anatolien sitzt? Als Künstler noch dazu. Der Autor und Videokünstler Sener Özmen hat darüber einen schönen kleinen Film gemacht. Da sieht man einen hageren Grossen und einen kleinen Dicken auf zwei Eseln schweigsam durchs kurdische Gebirge klettern, den Blick unbeirrt nach vorne gerichtet. Nach einem guten Stück staubigen Wegs treffen sie schliesslich einen Einheimischen. “Bruder”, frägt der Grosse: “Wo bitte geht's denn hier zur 'Tate Modern'?” Der Passant zögert keinen Augenblick, deutet hinter die Bergkuppe: “Da lang, Freunde, immer da lang.” Und so ziehen sie weiter, Don Quixote und Sancho Pansa aus Anatolien, hin zur Welt.


Sener Özmen selbst ist da schon angekommen. Seine Videokunst wurde auf internationalen Festivals gezeigt, die Stadt München machte ihn zum Stadtschreiber und die Amerikaner buhten ihn aus, als er als Supermann verkleidet sein rotes Cape abnahm - und als Gebetsteppich vor sich ausrollte. Schlecht ist so viel Anerkennung nicht für einen Künstler aus der Türkei. Dabei stammt Özmen nicht einmal aus Istanbul und nicht aus Ankara – er kommt aus Diyarbakir, einem Ort im äussersten Südosten des Landes, wo in der Wahrnehmung vieler Türken bislang vornehmlich fliegende Händler, Schuhputzer und PKK-Terroristen herkamen. Özmen ist Kurde. Er lebt noch heute in seiner Heimatstadt Diyarbakir. Dass einer wie Özmen sich dennoch einen Namen macht, in Istanbul wie in München, liegt erstens daran, dass die Türkei ihr Hinterland entdeckt. Und zweitens, dass sie langsam, ganz langsam beginnt, sich selbst zu erkennen.


Das ist nicht ganz einfach, denn Tabus und Propaganda haben vor Jahrzehnten einen bleiernen Mantel über das künstlerische und intellektuelle Leben der Türkei gebreitet, von dem das Land sich erst seit ein paar Jahren und nur unter grossen Mühen zu befreien sucht. Denker und Künstler fallen nun einmal aus allen Rollen, für solche Leute war lange kein Platz in einem Land, in dem man glaubte, ein jeder Bürger, habe die ihm von Republikgründer Atatürk zugedachte Schablone auszufüllen: “Wie glücklich der, der sich Türke nennen darf”. Aber bitte nur Türke! Nicht Tscherkesse, nicht Laze und schon gar nicht Kurde. Und bitte nur Muslim. Wenn du Christ oder Jude warst, bliebst du am besten stumm. Und als Muslim bitte nur Sunni. Du warst Alewit? Glaubtest an die Lehren der Sufis? Dann gab es dich offiziell nicht. Einheit war die Staatsräson der Türkei. Eine gewaltsam erpresste, staubtrockene, öde Einheit, in der das Individuelle, die Unterschiede verkümmerten, ja: verkümmern sollten, erkauft mit Furcht, Verfolgung und kollektivem Gedächtnisverlust. Nach dem letzten Militärputsch von 1980 galt sowieso: Wenn sie nicht Hofnarren waren, dann waren Intellektuelle und Künstler nicht nur lästig, dann waren sie gefährlich. (Der beste Künstler ist den Staatstreuen noch immer der General, der selber malt, wie Kenan Evren, der Putschist von 1980, der heute in seinem Alterssitz in Marmaris Leinwände mit Stilleben und Akten vollpinselt, die ihm reiche Geschäftsleute abkaufen). Was für Themen für die Kunst! Wenn man ihr schliesslich einmal den Atem lässt.


Sie schnauft, die türkische Kunst, das ist die gute Nachricht, und manchmal spuckt sie sogar Feuer. Verwunderlich ist es nicht, dass sie oft die Politik zu ihrem Thema macht. “Wäre ich eine norwegische oder italienische Autorin, dann könnte ich mir ein Leben als Einzelgängerin leisten, eingesponnen in einem Kokon des Introvertierten und Apolitischen“, hat die Autorin Elif Shafak einmal geschrieben: „Eine türkische Schriftstellerin hat diesen Luxus nicht.“


Die letzte Biennale in Istanbul etwa im Herbst 2007 war politisch wie selten. „Optimismus in Zeiten des Krieges“, versprach sie. Das war zwar gelogen, aber trotzdem ein verdammt guter Spruch, vor allem für eine Stadt wie Istanbul, die den Besucher zwar betäubt mit ihrer Schönheit, für die Mehrheit ihrer Bürger aber nur ein unmenschlich hartes Leben übrig hat. Da liegt dann also in einer zur Kunstbühne umfunktionierten Lagerhalle im alten Hafen ein Minarett schussbereit aufgebahrt als wäre es eine Rakete. Unmittelbar daneben bricht die Wand auf und in gleissender Sonne liegen da der Bosporus, dahinter die Hagia Sophia (beide echt) und für einen Moment wäre das Idyll fast perfekt, stolperte der Blick nicht mit einem Mal über das kleine Bündel Bierdosen mit Zünder am Boden – eine Bombe, unecht, hoffentlich. Und in einer Videoinstallation nebenan geben der kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan und der Türke Kutlug Ataman den Opfern der Massaker an den Armeniern und ihren Nachfahren eine Stimme. Gegengift für den noch immer so zornigen wie ignoranten Nationalismus im Land.

Andere Künstler zielten auf die zerstörerischen Kräfte von Globalisierung und Neoliberalismus. Und die begeisterte Aufnahme der Biennale durch Presse und Publikum legte den Eindruck nahe, dass ein solches Projekt gerade in der noch unfertigen türkischen Demokratie Kraft entfalten kann. Weil die Leute hier “noch hungrig” sind, wie Nazen Ölcer sagt, die Direktorin des jungen Sabanci-Museums, die sich vorgenommen hat, den Türken die klassische Moderne des Westens ins Land zu holen und mit ihrer Picasso-Ausstellung monatelang für kilometerlange Staus auf der Bosporus-Uferstrasse sorgte. Kraft entfalten auch, weil hier die öffentliche Debatte als Vorspiel zu politischen Entscheidungen noch erschreckend unterentwickelt ist: Hier mauscheln Politiker sonst hinter den Kulissen, hört die Presse auf den Befehl von Industriekonzernen und steht eine allgemeine Lust an der Kakaphonie dem Argument oft im Weg.


Naturgemäss findet die Politik in der Literatur ein besonderes Echo. In den Werken der erfolgreichen Schriftsteller, aber auch in ihrem Leben, und wenn es nur ist, weil ihnen am meisten Leute zuhören, wenn sie rufen. Perihan Magden zum Beispiel, die Istanbuler Schriftstellerin, jüngste Entdeckung für den deutschsprachigen Markt. Nicht, dass sie politische Literatur schriebe, nein, ihr Roman “Zwei Mädchen” ist ein Buch über lebenshungrige, verzweifelte Teenager, über die Liebe und den Tod. Aber sie ist eine durch und durch politische Person - und als solche bekannt: Ihre Kolumne in “Radikal”, der Frühstückslektüre der Istanbuler Liberalen und Intellektuellen, ist nicht wenigen der Grund, diese Zeitung zu kaufen. Perihan Magden ist eine zornige Frau Es ist kein blinder, es ist gerechter Zorn, der sie antreibt. Auf die Macht und ihre Diener. Auf die Gehirnwäscher. Die Vergewaltiger des gesunden Menschenverstandes. Die in diesem Land das Groteske zum Normalen erklären und die Normalen für verrückt. “Diese stumme Zuversicht, man könne alles Böse durch hartnäckiges Schweigen vorüberziehen lassen, habe ich nie verstanden”, heisst es in ihrem ersten Roman “Botenkindermorde”. Nein, dies sind noch immer Zeiten und dies ist noch immer der Ort, wo eine zum Himmel schreien muss. Aber auch kann. Wenn sie so stur und so mutig ist wie Perhan Magden. Wenn ihr all die Prozesse nichts anhaben, mit denen sie ihre Gegner überziehen: Die Verleumdungsklagen, die Anklagen wegen “Entfremdung des Volkes vom Militär”. Immerhin: Verurteilt wurde sie bislang nicht.


Dieses Land ringt noch immer. Mit sich selbst. Die Türkei ist noch immer auf der Suche nach ihrem Wesen und ihrem Weg. Es ist ein Land, das oft mit sich selbst hadert – und in dem gerade deshalb angebliche Gewissheiten oft verbissen behauptet werden. Die Zerissenheit des Landes macht vielen Angst. Sener Özmen zum Beispiel, der Kurde, glaubt noch immer, dass die Mehrheit der Türken die Demokratie nicht ertrügen – weil sie die Vielfalt des Landes zum Vorschein brächte. Und den Türken wird schon in der Schule eine Furcht vor dem Anderen, vor der Vielfalt, vor dem Pluralismus eingebläut. Und so stehen sich hier gegenüber die Türken und die Kurden, die Religiösen und die vermeintlich Säkularen, die Muslime und die Christen und es trennen sie nicht nur eine andere Herkunft und andere Lebensweisen, es trennen sie Welten. Das vor allem ist der Lackmustest für die Türkei: Ob und wie sie es schafft, ihre Vielfalt anzuerkennen und mit ihr zu leben. Entlang dieser Front werden die Kämpfe ausgefochten, die sie kämpfen: Sener Özmen, Perihan Magden oder auch Elif Shafak, die andere junge türkische Schriftstellerin, die versucht, Brücken zu schlagen. Sie beherrscht in ihren Romanen spielerisch, womit sich das Land so schwer tut: den Wechsel der Identitäten, das Ausloten des eben noch Fremden. In ihrem vorletzten Roman “Der Bastard von Istanbul” wagte sie sich an das Tabuthema der Armeniermassaker vor fast 100 Jahren – und der Roman wurde ein Bestseller. Langsam, ganz langsam kriecht dieses Land voran.


Am Beispiel von Elif Shafak wird nch etwas anderes deutlich: Dass der mutige Schritt nach vorne, zu Selbsterkenntnis und Reflexion, hier fast immer verbunden ist mit einer Wiederentdeckung der eigenen Vergangenheit. Weil sie so lange unter dem Mantel des Schweigens begraben war. Der Musikproduzent Hasan Saltik zum Beispiel, auch er ein Kurde, der sich zum Musikarchäologen entwickelte, der mit seinem Label “Kalan”-Musik seit den 1990er Jahren die Archive und die Geschichte des Landes umpflügt, um der Türkei ihr musikalisches Gedächtnis wiederzugeben. Der dieser Nation, die nach ihrer Geburt nur noch Türken kennen wollte, wieder ins Gedächtnis ruft, dass sie auch Tscherkessen und Georgier, Armenier und Lazen Heimat ist. Anfangs kamen die Kartons mit den CDs, die er in den Südosten schickte, manchmal noch von einer Salve Kugeln zersiebt zurück, weil den kontrollierenden Soldaten die kurdische Volksmusik suspekt erschien. Heute ist Saltik einer der erfolgreichsten Produzenten des Landes.


Die Autorin Elif Shafak hat für sich den Sufismus entdeckt, jene mystische Strömung des Islam, die den Gläubigen auf eine intime Reise zu Gott schickt. Sufibrüderschaften sind heute offiziell noch immer verboten wie seit den Zeiten Atatürks, aber das hält viele Türken nicht ab, den Sufismus neu zu entdecken, oft in modernem Gewande. Für Shafak ist das ein Zeichen dafür, dass ihr Land reifer geworden ist: „Wir lernen mehr und mehr zu sagen: Wir sind eine westliche Gesellschaft. Selbst wenn die EU uns nicht will. Wir sind verankert in der westlichen Welt. Gleichzeitig haben wir islamische Elemente. Gut für uns. Östliche Elemente. Gut für uns. Es ist wichtig, die Vielfalt zu akzeptieren. Sich ihrer nicht zu schämen. Je mehr man das tut, umso sicherer wird man seiner selbst, umso entspannter – und umso mehr interessiert man sich auch wieder für Dinge wie den Sufismus.“ Der Staat ist entspannter geworden, das stimmt. Es laufen aber immer noch genug Indoktrinierte, genug Verrückte herum. Seit Elif Shafak Morddrohungen bekommt, verliert sie kein Wort mehr über Politik. Und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk ist nicht der einzige Schreiber, der Leibwächter braucht, wenn er in Istanbul spazieren möchte, nur weil er einmal auf die Leiden der Armenier und der Kurden hingewiesen hat.


Der populäre Musiker Mercan Dede ist ein anderer, der sich dem Sufismus verschrieben hat. Ein Musiker mit Dornenfrisur und gewaltigem Ohrring, der die Rohrflöte Ney mit elektronischen Klängen unterlegt. Einer, der unter dem Namen Arkin Allen auch als Techno-DJ auftritt. Mercan Dede hat vor einigen Jahren auf der Bühne erstmals Frauen den Tanz der Derwische tanzen lassen, und er tritt demonstrativ gemeinsam mit kurdischen Musikern wie der Sängerin Aynur auf. „Ich will Dinge verändern“, sagt Mercan Dede. Politisch meint er das. Grosse Fortschritte habe die Türkei gemacht in Richtung Demokratie. „Schwulenclubs in Istanbul! Undenkbar noch vor ein paar Jahren.“ Ausgemerzt aber sind die alten Übel noch nicht, nicht die Unterdrückung von Frauen, nicht die Ausgrenzung eines jeden, der anders ist. „Wir sehen uns einem mächtigen und unglücklicherweise grässlich programmierten System gegenüber“, sagt Mercan Dede. Aber Mercan Dede hat das, was manche Gottvertrauen nennen würden: „Ich bin wie ein Hacker, der nun Viren schafft, die das Programm lahmlegen. Alles was du brauchst, ist ein Funken. Eine Ney, eine Rohrflöte.“